Gift- und Gefahrstoffe - Kindernotfallmedizin

Die folgende Zusammenfassung stellt eine kurze Synopsis von Substanzen dar, mit denen sich Kinder häufig vergiften. Daneben werden auch Substanzen genannt, die häufig als toxische Substanz gelten, obwohl sie atoxisch sind.

Acetylsalicylsäure (ASS)
Die toxische Einzeldosis beginnt bei Schulkindern und Erwachsenen mit 100–150 mg/kg (Poisindex®, [61]). Säuglinge und Kleinkinder sollten ab einer Dosis von > 75 mg/kgKG mindestens 6 h überwacht werden.
Symptome: Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, metabolische Azidose, Tachypnoe (entsteht v.a. weil ASS direkt das Atemzentrum aktiviert). Die Hyperventilation kann initial zu einer über mehrere Stunden andauernden Alkalose führen. Die Hyperventilation sollte nicht durch Sedativa unterdrückt werden, da dies die kardiale Toxizität der Salizylate erheblich erhöhen würde (Gefahr der Asystolie). Zudem kann es zu Hyperthermie, Agitation und Verwirrtheit sowie einer Entgleisung des Wasser- und Elektrolythaushalts kommen.
Therapie: Primäre Giftelimination: Magenspülung ab 300 mg/kg bei Kindern, ab 400 mg/kg bei Erwachsenen. Spiegelbestimmung, Aktivkohle (bis 4h p.i.), Glaubersalz. Alkalisierung mit Natriumbicarbonat unter laufender Labor- und BGA-Kontrolle. Gute renale Elimination, evtl. Urinalkalisierung, Hämodialyse bei drohendem Nierenversagen oder hohen Blutspiegeln.

Alkohol (Ethanol)
Die toxische Grenze liegt bei Säuglingen bei 0,2 g/kg, Werte über 1,5 g/kg führen zum Koma; je kleiner die Kinder sind, desto geringer ist die Toleranz. Bei der Ingestion von sicher nicht mehr als einem Schluck hochprozentigem Ethanol kann das Kind bei zuverlässiger Betreuung zu
Hause überwacht werden (mindestens 3 h). Zur Vermeidung einer Hypoglykämie sollte süße Flüssigkeit gegeben werden. Bei Auftreten von Symptomen ist unverzüglich eine Kinderklinik aufzusuchen.
Symptome: klassische Trunkenheitszeichen bis zum Koma, Hypoglykämie, Krämpfe.
Therapie: Spiegelbestimmung, Intensivüberwachung, Glukosesubstitution, bei hohen Spiegeln Giftelimination.

Beißring
Atoxische Flüssigkeit

Benzodiazepine
Durch eine große therapeutische Breite werden selten letale Dosen erreicht. Beginn der Symptomatik ist innerhalb von drei bis vier Stunden nach Ingestion zu erwarten (evtl. bereits nach wenigen Minuten).
Symptome: Ataxie, Müdigkeit bis zur Bewusstlosigkeit, Unruhe als Zeichen der paradoxen Reaktion, Muskelrelaxation, Kreislaufdepression mit Hypotonie und Tachykardie.
Therapie: Primäre Giftelimination bei Monointoxikation bis zu 1 Stunde nach Ingestion durch die Gabe von Aktivkohle. Bei drohender Ateminsuffizienz Intubation und Beatmung. Die Indikation für den spezifischen Benzodiazepinantagonisten Flumazenil (Anexate®) ist äußerst selten gegeben, da sich die Vergiftungserscheinungen meist spontan zurückbilden, kann aber beim Auftreten paradoxer Reaktionen zur Anwendung kommen.

Buntstifte
Atoxisch

Fingerfarben
Atoxisch

Fleckenentferner
Eine bunte Mischung (wenig bis sehr) giftiger Substanzen, immer mit Giftnotruf in Verbindung setzen.

Fluortabletten
Ab einer Dosis > 100 mg Fluorid: Gabe von Calcium (Milchprodukte).

Geschirrspülmittel (Maschine)
Privater Gebrauch: Schleimhautreizend, nicht ätzend, bei einzelnen Produkten Verätzungen möglich. Flüssigkeit, Vorstellung bei Symptomen.
Gewerblicher Gebrauch: Schon in kleinen Mengen starke Verätzungen → Mund ausspülen, klare Flüssigkeit nachtrinken → klinische Vorstellung

Kreide
Atoxisch

Maiglöckchen
Insgesamt als schwach giftig einzustufen.

Ovulationshemmer
Keine weiterführenden Maßnahmen. Es kann verspätet Übelkeit und Erbrechen auftreten, was über einige Tage anhalten kann, je nach
Zusammensetzung kann es bei nicht geschlechtsreifen Mädchen zu Abbruchblutungen kommen.

Paracetamol (Acetaminophen)
Hier immer Kontakt mit einer Vergiftungszentrale!! Nach einer einmaligen Paracetamolüberdosis < 150 mg/kg ist ohne Therapie beim Gesunden keine Leberschädigung zu erwarten. Bei Dosen ab 150 mg/kg muss eine Therapie mit ACC (Acetylcystein) begonnen werden. Bei Kindern kann unter bestimmten Umständen wie Fieber, Virusinfektion, reduzierte Flüssigkeitsaufnahme (> führt zu
gesteigerter Empfindlichkeit gegenüber Paracetamol) eine Einnahme von ab 80–90 mg/kg über 2–3 Tage bereits zu einer Leberschädigung führen.
Symptome: Nach einem relativ symptomarmen Intervall treten meist nach 6–14 h Übelkeit und Erbrechen auf. Nach kurzer klinischer Besserung für 24–48 h dann beginnende Gerinnungsstörungen, Oberbauchbeschwerden, Ikterus bis hin zur hepatischen Enzephalopathie.
Therapie: N-Acetylcystein-Schema i.v.
Spiegelbestimmung: Frühestens vier Stunden nach Ingestion, möglichst innerhalb von acht Stunden nach Ingestion.
Bei korrekter Behandlung ist die Prognose gut. Ansonsten Gefahr eines Leberversagens, einer Lebertransplantation.

Petroleum
Hier wird nicht die Inhalation der Öldämpfe, sondern die Aspiration der leicht flüchtigen und wenig viskösen Flüssigkeit gefürchtet. Sie kann, wenn sie in die Atemwege gelangt, eine chemische Schädigung auslösen. Dadurch kommt es zur Schädigung des Surfactant und konsekutiv zu Atelektasen, Pneumonie und ARDS.
Symptome: im Vordergrund stehen die respiratorischen Probleme.
Therapie: Keine primäre Giftelimination! Intubation und Beatmung, Intensivtherapie.

Puder
Bei Aspiration schwerste Krankheitsverläufe, nach kurzen heftigen Hustenattacken und Dyspnoe Übergang in ein symptomfreies Intervall (8–24 h), danach massive Lungenschädigung möglich, teilweise mit Todesfolge → stationäre Aufnahme und Bronchoskopie.

Handgeschirrspülmittel
Diese Substanzen sind schleimhautreizend und führen bei ca. 40 % der Betroffenen zu Übelkeit und Erbrechen, ggf. Durchfall.
Therapie: Entschäumer wie Sab Simplex nach Alter 1–2 Teelöffel, Flüssigkeitszufuhr per os (keine Kohlensäure), kein Erbrechen!

Trizyklische Antidepressiva
Bereits die Einnahme einer TMD (=Tagesmaximaldosis) kann deutliche Symptome zur Folge haben (TMD für Amitriptylin bei Erwachsenen liegt bei 2 mg/kg. Ab einer Dosis von 300 mg sollte eine stationäre Überwachung erfolgen. Fachinfo 150/300 mg [ambulant/stationär]). Als potenziell tödlich werden Dosen von 15–20 mg/kg gehandelt (Poisindex). Sie werden rasch und vollständig resorbiert. Stationäre Überwachung bei Kindern ab 1 mg/kg unter EKG-Kontrolle (24–48 h).
Symptome: Anticholinerge Symptome wie Mydriasis, Miktionsstörungen, neurologische Auffälligkeiten wie Hyperreflexie, Agitation, paradoxe Erregungszustände, Krampfanfälle, Vigilanzstörungen bis zum Koma. Primär auftretende Tachykardien gehen bei zunehmender Resorption in bradykarde Rhythmusstörungen mit PQ und QTVerlängerung und ST-Senkung über, die bis zum Herzstillstand führen können (die tödlichen HRS sind meist die aus QRS-Verbreiterung und seltener aus der QT-Verlängerung resultierenden tachykarden Rhythmusstörungen: VT, Kammerflimmern).
Therapie: Primäre Giftelimination durch Kohlegabe, kein Erbrechen auslösen, Magenspülung nur bei lebensbedrohlicher Vergiftung bis max. 3 Stunden nach Einnahme retardierter Tabletten. Symptomatische Therapie bei Rhythmusstörungen mit Natriumbicarbonat (Ziel: Hoher pH-Wert von 7,45–7,50) und hochnormaler Natriumspiegel durch Gabe von NaHCO3 8,4 % 1–2 mmol/kg, zusätzlich Magnesium und ggf. Overdrive Pacing. Bei Hypotonie: Volumengaben. Bei TCA sollen kein Adrenalin und keine anderen Beta-2-mimetischen Katecholamine eingesetzt werden, weil es wegen der alphablockierenden Wirkung der TCA dann zwar zu einer gesteigerten Herzfrequenz (unnötig weil Patient bereits tachykard) aber zu einem erniedrigten systemischen Druck durch Vasodilatation kommt (Adrenalinumkehr).

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