Gibt es eine „Bewegungssucht“?

F. Colledge, U.G. Buchner, M. Walter

| Suchtmedizin | Suchtmedizin

Abstract aus Suchtmedizin:

Sport und Bewegung sind wichtige Bestandteile eines gesunden Lebensstils. Dennoch gibt es auch Hinweise darauf, dass sich bestimmte Personen exzessiv und anscheinend zwanghaft bewegen und ihr tägliches Pensum nicht reduzieren können. Basierend darauf gibt es zahlreiche Artikel in der Presse, welche vor dem Phänomen „Sportsucht“ oder „Bewegungssucht“ warnen. Es gibt für dieses Phänomen allerdings keine anerkannte Definition. Bislang ist unklar, ob exzessive Bewegung tatsächlich als eine Art Verhaltenssucht zu verstehen ist oder ob es sich um eine maladaptive Copingstrategie bei anderen psychischen oder Persönlichkeitsstörungen handelt.

Sport- oder Bewegungssucht ist bisher weder im DSM-5 noch im ICD-10 als psychische Störung anerkannt. Es liegen aber bereits mehrere Studien zu Prävalenzraten sowie zu Risikofaktoren vor. Angemerkt werden muss, dass bei der Mehrheit dieser Studien die offene Frage der Begriffsdefinition nicht oder kaum berücksichtigt wurde. Weiterhin verwendeten diese Studien häufig Instrumente, deren Aussagekraft eingeschränkt ist. So lässt sich beispielsweise mit einigen Instrumenten keine trennscharfe Unterscheidung zwischen begeisterten Sportlern und Personen mit psychischen Problemen treffen. Die aus diesen Studien resultierenden Schlussfolgerungen sind somit verfrüht und in ihrer Gültigkeit eingeschränkt. Ohne das zugrundeliegende Verhalten umfassend zu untersuchen, bleibt es unmöglich, Bewegungssucht konkret zu definieren. Dies stellt allerdings die Basis für potenziell notwendige Unterstützung für die Personen dar, die von sich berichten, unter einer Bewegungssucht zu leiden.

English Version:

Although sport and exercise are part of a healthy life, there are indications in the scientific literature that some people exercise compulsively, to excess, and appear unable to reduce their daily level of activity. As a result of this, numerous articles in the popular press warn of the phenomenon of “exercise addiction”. There is, however, no accepted definition of this phenomenon, as it remains unclear whether exercise should be understood as a class of behavioural addiction, or whether it is better conceived as a maladaptive coping strategy that occurs together with other psychiatric and personality disorders.

Exercise addiction is not currently recognized as an illness or disorder in the DSM-5 or ICD-10. Nevertheless, a number of studies on prevalence rates and risk factors exist. Unfortunately, the majority of these studies do not address the open question of a definition. Furthermore, many studies rely on questionnaires of limited significance, which in some cases are unlikely to reliably separate motivated athletes from individuals with psychiatric problems. Conclusions resulting from these studies are consequently premature, and of limited value in understanding exercise addiction. In the absence of thorough research into the nature of this behavior, it remains impossible to adequately define exercise addiction. These studies do, however, provide a basis for potentially necessary support individuals who report suffering from exercise addiction.

Zitierweise:

Colledge F, Buchner UG, Walter M (2019). Gibt es eine „Bewegungssucht“?. Suchtmed 21(1): 7–12

Haltmayer / Bruggmann / Krausz / Backmund / Walter / Soyka

Addiction Medicine

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