Schmerztherapie bei traumatologischen Notfällen bei Kindern

P. Reinhold, E. Schlüter

Auszug aus Der Kinderschmerz:

Unfallverletzungen sind in Deutschland eine der größten Gesundheitsgefahren für Kinder und Jugendliche. So werden 15,5 % der 1- bis 17-Jährigen innerhalb eines Jahres wegen eines Unfalls (Haus-, Freizeit- und Verkehrsunfälle) ärztlich behandelt. 12,3 % der Betroffenen verbleiben dabei mindestens eine Nacht im Krankenhaus (Saß 2014).

Die Verletzungsursache ist häufig altersabhängig: Bei Säuglingen führen meist Stürze, bei Kleinkindern gehäuft Haus- und Freizeitunfälle und bei Schulkindern oft Straßenverkehrs- und Sportunfälle die Statistik an. Bei all diesen Traumata ist „Schmerz“ ein regelmäßig anzutreffendes Symptom. Nicht nur das Ereignis selbst, sondern auch die sich anschließenden Maßnahmen können erhebliche Schmerzen verursachen, so z.B. Untersuchung, Umlagerung, Reposition, Nähte, Verbände etc.

Wissenschaftliche Daten zur posttraumatischen Analgesie lassen befürchten, dass Kinder oft systematisch unterversorgt werden. Die Gründe dürften vielfältig sein: Unsicherheit in der Schmerzbeurteilung, mangelnde Kenntnisse der pharmakologischen Besonderheiten des Kindesalters, fehlende Erfahrung und nicht selten das Dogma „Analgesie erschwere die weitere Diagnostik“ (Alexander 2003, Browne 2016).

Dies ist umso bedauerlicher, da schon seit langem die Zusammenhänge zwischen Schmerz und neuroplastischen sowie hormonellen Veränderungen gut bekannt sind. Erhöhte Morbidität und sogar Mortalität sind die Folge, aber auch die Langzeitfolgen auf die psychische Entwicklung sind eindrucksvoll beschrieben.

Schmerzerfassung
Bei Patienten ab dem 4. Lebensjahr lassen sich Schmerzen recht gut erfassen: Schmerzen sind vorhanden, wann immer der Patient sie angibt. Zur Quantifizierung kann man „Gesichterskalen“ sowie andere Analogskalen verwenden. Aber man muss die Patienten auch aktiv fragen, denn nicht selten verhalten sie sich bedingt durch den Stress, aber auch durch Angst und Schuldbewusstsein, still und zurückgezogen, so dass die Schmerzstärke unterschätzt wird (Melotti 2009).

In jüngeren Altersstufen, in denen die Kinder nicht dezidiert ihre Schmerzstärke einschätzen können, ist es deutlich schwieriger, die Schmerzintensität adäquat zu erfassen. Hier kann man sich mit
Fremdbeurteilungsskalen behelfen. In Ermangelung passender deutschsprachiger Skalen stellt die KUSS-Skala (Kindliche Unbehagens- und Schmerzskala), auch wenn sie für die Erfassung postoperativer Schmerzen konzipiert wurde und nur dafür validiert ist (Büttner 2000), ein hilfreiches Instrument dar.

Wichtig für die Praxis: KUSS bewertet Weinen, Gesichtsausdruck, Rumpfhaltung, Beinhaltung, motorische Unruhe, die quasi mit einem Blick erfasst werden können. Bei wachen Kindern sollte, sofern den primären Grundbedürfnissen der Kinder Rechnung getragen ist, wie bei den Analogskalen ab einem Score-Wert von 4 eine analgetische Intervention veranlasst werden.

 

Beobachtung    
Bewertung Punkte
Weinen gar nicht
Stöhnen, Jammern, Wimmern
Schreien
0
1
2
Gesichtsausdruck entspannt, lächelnd
Mund verzerrt
Mund und Augen grimassierend
0
1
2
Rumpfhaltung neutral
unstet
aufbäumend, krümmend
0
1
2
Beihaltung neutral
strampelnd, tretend
an den Körper gezogen
0
1
2
motorische Unruhe nicht vorhanden
mäßig
ruhelos
0
1
2
  Addition der Punkte:  

 

Die „Kindliche Unbehagens- und Schmerz-Skala (KUSS)“ zur Fremdbeurteilung von Schmerzen nach Operationen im Kleinkindesalter. Ab einem Wert von 4 Punkten besteht Therapiebedarf. Zunächst aber müssen die Grundbedürfnisse des Kindes (Geborgenheit, Wärme, Trinken usw.) befriedigt werden.

 

Zitierweise:
Reinhold P, Schlüter E (2017): Schmerztherapie bei traumatologischen Notfällen. In: Buschmann-Prayon K, Draheim N, Ebinger F et al.: Der Kinderschmerz, ecomed Medizin, Landsberg

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